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Andy Alanis

Anna Voswinckel

Das Begehren nach Sichtbarkeit und Resonanz aus einer Außenseiterposition heraus, bedingungslose Offenheit, Selbstüberschätzung gefolgt von Selbstzweifeln: das sind bekannte Facetten des Künstler*innendaseins, die Jana Schulz in ihrer Werkreihe Andy Alanis berührt.

Die mehrteilige Arbeit besteht aus einem Poster, einer neu zusammengeschnittenen Audiokassettenaufnahme, einer Kassettenedition, einer Musikkomposition auf Tonband und dem vorliegenden Gedichtband.

Die einzelnen Teile der Werkreihe kreisen um die Figur Andy Alanis, deren Status Schulz absichtlich uneindeutig lässt: Andy Alanis ist weder eine reale Person, noch ein reines Konstrukt der Künstlerin. Er ist gewissermaßen ein Vermittler zwischen ihr und einer weiteren Person, die in der Arbeit sichtbar wird und deren Stimme wir hören. Andreas Michael Etzold wurde 1957 in Straßlach bei München geboren und verstarb 2001. Er gab sich selbst, in Anlehnung an die Sängerin Alanis Morisette, deren Fan er war, den Künstlernamen Andy Alanis. Die Kombination aus männlichem und weiblichem Namen lässt einen androgynen Charakter vermuten, der dem Pop und Glamrock der 1970er Jahre entstammen könnte.

An ein merklich jüngeres Gegenüber, an Jana, die Künstlerin als Jugendliche, schickte Etzold selbstbespielte Audiokassetten, Gedichte, Collagen, in der Hoffnung, von ihr gehört und wahrgenommen zu werden. Mit größtmöglicher Offenheit beschreibt er ihr sein Zimmer, schildert seine Träume und Vorlieben. „Die Jana“ bedeutete für Etzold, der offenbar nicht frei lebte, ein mögliches Außen, die jugendliche Verkörperung eines „normalen“ Lebens. Sie diente ihm als Projektionsfläche seines Begehrens, nach außen vorzudringen und sich Gehör zu verschaffen. (Über die reale Person, an die er seine Post adressierte, wusste er nur wenig.)

Ich habe ein Bild von der Jana, wie ist sie? – Ich liebe Jana’s Jugend, ihren Körper, sie selbst. – Habe eine süße Angst die Jana kennen zu lernen.

You shrunk and bottled in a glass jar, you’re a portable saint. Knowing you is like knowing Jesus. There are billions of us and only one of you so I don’t expect much from you personally. There are no answers to my life. But I’m touched by you and fulfilled just by believing. (Chris Kraus, I love Dick, Semiotext(e), 1997)

Andy Alanis’ poetische Praxis umfasst kurze Prosatexte und einfache Reime, die an Märchen, Kindergebete und volkstümliche Sinnsprüche erinnern. Für den vorliegenden Gedichtband wurden die kurzen Gedichte und Textfragmente in eine rhythmische Sequenz gebracht, die einen neuen Textkörper entstehen lässt. Situationsbeschreibungen wechseln sich ab mit Selbstbekenntnissen zum eigenen Körper, zu Sex und Begehren. In wenigen Zeilen verfasst wirken sie aus heutiger Sicht wie Tweets, digitale Statusmeldungen. Nur fehlte ihnen die Reichweite, die der Verfasser sich zu Lebzeiten ersehnt hätte. Unter die deutschen Sätze mischen sich vereinzelt englische Textzeilen, Abwandlungen bekannter Songtexte. Aus Real wild child von Iggy Pop wird die Zeile I’m a real, wild and a very particular child.