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Andy Alanis

Jan Kuhlbrodt

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Im Freibad will ich keinen Bach hören.

Wir treffen auf Andy Alanis wie auf einen Unbekannten. Ein Name jenseits des Kanons, jenseits jedes Kanons. Er hat sich in kein kollektives Gedächtnis eingeschrieben, taucht in Anthologien und Doktorarbeiten nicht auf, und doch signalisieren die Texte Präsenz.

Zuweilen ergreift einem bei der Lektüre das Gefühl auf einen alten Bekannten zu treffen. Als verträte Andy Alanis einen Typus von Autor und Mensch, was im Popkulturellem Raum kaum zu trennen ist, der entsprechend der Gausschen Normalverteilung über die Welt verstreut ist, zumindest über die westliche. Als sei er in meine Schule gegangen, vielleicht ein paar Klassenstufen höher, hätte mit seinen Kumpels auf dem Schulhof herumgehangen, langhaarig und in Bluejeans, und ich hätte aus einiger Entfernung seine Coolness bewundert, und sein Spiel auf der Luftgitarre, mit dem er die Gespräche unterbrach, und auf das ein lautes Lachen folgte. Ein Repräsentant der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

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Und ich muss an Syd Barrett denken, den Frontmann von Pink Floyd, der sich früh aus der Band in eine Drogenpsychose verabschiedet hatte, dessen späte Soloalben aber von einer großen Eindringlichkeit waren, dessen Gitarrenspiel sich so eindringlich vom Megasound seiner früheren Kollegen abhob.

Alanis Gedichte wie diese sind aus dem Geist des Jazz und des Rock ‘n Roll geboren.

Vielleicht kann man sagen, dass in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts eine neue Zeit begann. Nicht nur in Deutschland, aber vor allem hier, hatten die vorangegangenen Generationen den Kredit verspielt, den sie aus ihrer Erfahrung ableiteten. Sie hatten nachhaltig bewiesen, dass sie nicht wussten, wie man eine einigermaßen lebenswerter Gesellschaft bastelt und all ihre Maßgaben waren obsolet geworden. Damit aber wahrscheinlich auch die feinsinnigen künstlerischen Muster.

Gleichzeitig wurden die Gitarren mit elektrischer Energie versorgt und es gab plötzlich Orgeln, die so groß wie Schuhschränke waren und den Resonanzraum eines mittleren Doms besaßen. Es gab die unbedingte Sehnsucht nach Neuem.

Diese Sehnsucht war aber auch mit einem Blick zurück verbunden, einem Rückblick auf Zeiten, die es gegeben haben könnte, bevor das große Unglück seinen Lauf nahm.

Im Unglücksverlauf hatte die Kunst sich verfeinert und ausdifferenziert. Ihre Technik hatte sich bis ins Kleinste verfeinert, aber sie hatte es nicht vermocht, die offensichtlich kranke Gesellschaft zu heilen. Die Kunst war Ausdruck und nicht Ausbruch.

Was natürlich nicht heißt, dass man alle technischen Errungenschaften über Bord geworfen hätte. Aber man suchte nach dem Verschütteten. Altes tauchte wieder auf, der Reim und das einfache Lied erwiesen sich genau so hartnäckig wie die Themen, die sie hervorgebracht hatten. Liebe, Sex, Adoleszenz.

Andy Alanis Dichtung ist Produkt dieser Zeit.

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Allerdings trieb auch dieser Ausbruch in die Industrie. Jede Rebellion wurde vermarktet, eingefangen und eingesperrt in Plattenfirmen und Buchverlage, und kam letztlich, wenn sie nichts mehr abwarf, auf vorstädtische Müllhalden. Künstler, die sich diesem Diktat der Verwertung nicht unterwarfen, verarmten, verschwanden und galten als gescheitert. Am Leben erhalten wurden Ikonen,die als Repräsentanten galten und gelten. Ikonen, von denen jährlich eine neue Sammelbox mit den immer selben Liedern erscheint, Aufnahmen, die leicht abweichen von den sattsam bekannten.

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Jetzt also eine Box mit Liedern und Texten von Andy Alanis, jenem vollkommen unbekannten, der nie über einen Platten- oder Buchvertrag verfügte. Der kein Frontmann irgendeiner Band war, der abgeschottet vom Rest aus einer Klinik heraus produzierte. Vielleicht ein Zeitkern, eingeschlossen in Glas oder Bernstein, auf jeden Fall genau das, was man als authentisch bezeichnet. Produktionen frei von den Maßgaben der Industrie und des Kulturmanagements.

Und so können diese Gedichte auch Begegnungen mit uns selbst sein, und vielleicht Begegnungen mit unserer Elten- und Großelterngeneration.

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Also sehen wir uns in den Texten durch die Augen eines Andern. Zuweilen ist das schwer auszuhalten. Zumal der andere der wir sind mit uns einiges gemein hat, wir uns in ihm aber nicht erkennen.

Das trifft auf die Gedichte von Andy Alanis zu, aber auch auf das, was sie beschreiben. Als würden sie sich je im anderen spiegeln.

Vielleicht sollten wir ihm Pomade schenken.