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Blaue Perle

Thomas Weski

Die Videoarbeit Blaue Perle von Jana Schulz ist nach einer Bar in Leipzig benannt, in der sich das sogenannte untere gesellschaftliche Milieu trifft, um zu tanzen, zu trinken und zu feiern. In ihrer künstlerischen Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, die Jana Schulz 2014 bei Prof. Tina Bara ablegte, hat sie sich mit den Medien Fotografie und Video mit diesem Ort auseinandergesetzt. Ihre detailreichen, mittelformatigen Schwarzweissfotografien zeigen die Räume in einem neutralen Licht. Sie sind ausserhalb des Betriebs entstanden und erzählen nüchtern von dem Gebrauch durch die Akteure des Nachtlebens, die selbst nicht Gegenstand der Bilder werden.

In ihrem Video nähert sich Jana Schulz der Blauen Perle auf eine ganz andere Art. Hier verfolgt sie keine nachvollziehbare Abbildung des konkreten Ortes, sondern konzentriert sich ganz auf die Atmosphäre dieses sozialen Raums und auf seine Nutzer. Das Video beginnt mit einer Einstellung, die durch die Beine von Zuschauern einen Blick auf die Tanzfläche wirft, um sich dann in einer längeren Szene einem jungen Mann zuzuwenden, den sie im Verlauf ihrer etwas über 11 Minuten langen Arbeit immer wieder in den Fokus rückt. Ihm kommt daher eine Art Hauptrolle zu – auch, weil er ein eindeutig Beobachtender ist. Seine Blicke auf Personen im Tanzbereich, der ausserhalb des engen Ausschnitts liegt, sind taxierend und suchend, gelegentlich scheint er eine leichte Unsicherheit mimisch zu überspielen, aber lange bleibt er ein passiver Betrachter bis er schliesslich in einer kurzen Szene selbst als Tanzender aktiv wird.

Ein weiterer Protagonist ist ein anderer junger Mann, der sich in seiner Natürlichkeit von dem ersten, durchaus gestylten und sich seiner Wirkung anscheinend bewussten Person unterscheidet. In einer langen Passage, in der die rhythmische Tonmontage des Videos verstummt, kommt es zu einem intensiven Blickaustausch mit der Kamera. Die Künstlerin hat sich mit ihrer Videokamera auf dem Stativ öffentlich und zugleich über die Zeit für die Besucher der Bar durch ihre dauerhafte Präsenz unsichtbar gemacht. So reagieren die Menschen nicht auf sie oder die Kamera, sondern agieren vollkommen frei. Aber in dieser Szene wird auch die Rolle der mit der Kamera beobachtenden Künstlerin sowie der mit dem Ort und dem Verhältnis der Geschlechter verbundene Voyeurismus und Exhibitionismus thematisiert.

Jana Schulz hat mit minimaler Tiefenschärfe bei dem vorhandenen Licht – eine bunte, flackernde, sich unregelmässig wiederholende Discobeleuchtung – gearbeitet und so ihre Modelle in eng gefassten Ausschnitten aus ihrer Umgebung und der Dunkelheit gelöst. Gelegentlich bewegen sie sich im Tanz auch aus der Schärfezone heraus und wieder in sie hinein. Diese vertikalen Bewegungen geben dem Video eine Dynamik, die der auf der Tanzfläche entspricht. Dort gibt es Akteure wie einen Afrikaner, die selbstversunken für sich bleiben, aber es kommt auch zu Szenen der Annäherung, zum gemeinsamen Tanzen und auch zum physischen Kontakt anderer Protagonisten, unter ihnen auch einer Frau, die das Leben gezeichnet hat. Auf der Folie von Passagen in sich gekehrter, auf sich konzentrierter und verhalten agierender Personen, wirken diese Szenen besonders nach, weil die Kommunikation und der Austausch der Menschen mit Zeichen von gegenseitigem Respekt, Zugewandtheit und enormer Lebensfreude verbunden sind.

Die für das Video komponierte Musik, die Töne von Spielautomaten als Verweis auf die einfache Lokalität und Basis nutzt, wird analog zum Schnitt eingesetzt. Die von der Künstlerin bewusst gewählte Verlangsamung der Bilder führt zu einer Dehnung der Zeit und einer genauen Beobachtung der Protagonisten in dem kleinen, von ihr gewählten räumlichen Ausschnitt. Die Arbeit, die mit einer unscharfen Sicht auf das Interieur endet, könnte nun wieder mit der Anfangsszene starten und so in einem Loop deutlich machen, dass es sich um ein immer wiederkehrendes, menschliches Thema handelt – und tatsächlich hat die Künstlerin ihr Video so auch eingesetzt.

Besonders herausgearbeitet hat sie in der „Blauen Perle“ die Blicke der Personen, die Sehnsucht ausstrahlen. Einsamkeit, Isolation und Kommunikation sind Themen unserer Zeit, die Jana Schulz in ihrer Studie so behandelt, dass Alltägliches überhöht und ihm exemplarischer Charakter zugewiesen wird.