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Golden Boys. Iğdır. Maravilla. Monterey Park

von Juliane Bischoff
zu “Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung” in der Kunsthalle Wien

In langen Einstellungen zeigt Jana Schulz’ Golden Boys Ausschnitte aus dem Alltagsleben junger Männer in unterschiedlichen sozialen Räumen, die auf mehr oder weniger unproduktive Weise Zeit verbringen. Die Kamera folgt den Männern bei banalen Aktivitäten wie Körperpflege, Herumhängen, Spielen mit dem Smartphone, Sporttraining oder Fernsehen. Der Titel des Films ist dem Firmennamen Golden Boy Promotion entlehnt, einer US-amerikanischen Agentur für Boxkämpfe, die junge Boxer unter Vertrag nimmt und Wettkämpfe organisiert. Jana Schulz interessiert sich für dieses subkulturelle Milieu, das geprägt ist von strengen Körpernormen, der Konstruktion männlicher Ehre und gruppenspezifischer Rituale. Abseits vom Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gelten hier spezifische Regeln und Codes, die die Zugehörigkeit zu einer eigenen sozialen Welt definieren.

Schulz interessiert sich in ihrem Film für die Nebenschauplätze, abseits vom Boxring, an denen sich die eigene Identität aber noch immer über die Verbundenheit zur Gruppe definiert. Die drei filmischen Sequenzen entstanden an unterschiedlichen Orten wie Los Angeles, wo Schulz Kontakte über Boxclubs knüpfte, oder der türkischen Provinz Iğdır, wo sie die Boxer zu Kämpfen begleitete. Es sind oftmals periphere, ökonomisch prekäre Orte, an denen die Sportclubs einen Gegenpol zum umgebenden sozialem Umfeld darstellen. Wie der Soziologe Loïc Wacquant in seiner Untersuchung des Chicagoer Boxmilieus (2003) herausstellt, ist es gerade die Opposition, die die Subkultur definiert: Die anarchische Gewalt der Straße wird im Boxclub durch die geregelte des Rings ersetzt. 

Sensibel nähert sich die Künstlerin ihren Protagonisten und gewährt im Wechsel zwischen Nähe und Ferne Einblick in ein soziales Milieu, das einem Großteil der Gesellschaft verborgen bleibt. Unscharfe Einstellungen, Fokuswechsel und das Fehlen eines festgesetzten Beginns und Endes der Ausschnitte verorten den Film zwischen Dokumentation und Fiktion. Immer wieder werden einzelne Blicke herausgestellt, baut sich filmische Spannung auf, die jedoch ins Leere verläuft. Der Eindruck der zeitlichen Längen und der eigens für den Film komponierte Sound halten die Atmosphäre in der Gemeinschaft der jungen Männer fest, deren soziale Identität sich in ihre Körper eingeschrieben hat. Die Disziplin und Arbeit an diesen Körpern im Trainings- club spiegelt sich selbst in der Banalität alltäglicher Praktiken wider. Die Interaktionen zwischen den jungen Männern, ihre Beschäftigung mit Körperbildern und die fortlaufende Optimierung der eigenen Performance und Leistungsfähigkeit auch nach Einbruch der Dunkelheit verweisen auf einen Habitus als Verkörperung des Sozialen, der an die Macht ökonomischer Lebensbedingungen gekoppelt ist.